„Heute wieder nur gespielt?“ – die Bedeutung des freien Spiels

24.11.2020

Ein Bericht von Frances Fuhr.

 

Als Erzieher*in wird man häufig mit den Erwartungen der Eltern konfrontiert ein Potpourri an pädagogischen Angeboten am Tag nachzuweisen, in denen nach Rahmenplan angeleitet, gefördert und gefordert wird. Zu viele Phasen des freien Spiels gehören nicht in unsere leistungsorientierte Gesellschaft. Doch besonders in der aktuellen Situation sind Kitas zusätzlich zum Krankenstand mit fehlendem Personal durch Quarantäne und den Vorgaben der Hygienepläne und dem Bestreben nach konstanten Kohorten belastet. Das größte Ziel, die Kitas offen zu halten, ist vielfach nur durch ein Runterfahren der „pädagogischen Angebote“ machbar. Es bleiben die liebevolle Betreuung und das Freispiel. Während manche Eltern vielleicht überlegen, wie sie die verpasste „Lernzeit“ ihrer Kinder kompensieren können, ist diese Entwicklung für Spielforscher*innen vermutlich ein wahrer Segen. Erst vor zwei Jahren hat der Neurobiologe Gerald Hüther ein Buch mit dem Titel „Rettet das Spiel“ geschrieben, in dem er sehr anschaulich beschreibt warum das freie und unbekümmerte Spiel die beste Form der Bildung ist.

 

Beim Spielen sind alle Bereiche im Gehirn gleichermaßen offen

Im Spiel bietet sich unseren Kindern der „Erfahrungsraum (…), wo sie ihrer Fantasie freien Lauf lassen können, wo sie sich und ihre Möglichkeiten erkunden, ihre eigenen Fähigkeiten erproben, ihrer Entdeckerfreude und Gestaltungslust unbekümmert und absichtslos nachgehen können.“ Die Form des Spiels ermöglicht dem Gehirn alle Bereiche gleichermaßen zu öffnen und in den verschiedenen Bereichen neue Verknüpfungen miteinander herzustellen.

Somit lernen und entwickeln sich unsere Kinder (und theoretisch alle mit einem lernfähigen Gehirn) am besten und nachhaltigsten im freien Spiel. So verarbeiten Kinder zum Beispiel Erlebtes, probieren Neues aus, entwickeln stabile soziale Beziehungen und fördern ihre Kreativität.

Spielforscher*innen und Entwicklungspsycholog*innen empfehlen mehrere Stunden mit möglichst wenig Unterbrechung zu ermöglichen, in denen Kinder selbst entscheiden können mit wem, wie lange und womit sie spielen möchten. Spielerisches Lernen ohne vorgefertigte angeleitete Lernspiele sollten im Vordergrund des kindlichen Alltags stehen.

Möglichkeiten, Materialien und Lebenswelten zur Verfügung stellen

Die Aufgabe von uns Erwachsenen sollte möglichst darin bestehen die Rahmenbedingungen so zu gestalten, dass unsere Kinder ungestört und lustvoll spielen können. Zum Beispiel das Spiel nicht abzubrechen nur, weil mein vorbereitetes Bastelangebot jetzt auf meinem Plan steht. Lebensechte Spielmaterialien wie Telefon, Kochtöpfe und Co. zur Verfügung stellen. Ins Spielgeschehen nur auf Nachfrage oder bei großen Konflikten eingreifen.

Natürlich gibt es auch Kinder, die sich über mein vorbereitetes Bastelangebot freuen und lustvoll und motiviert daran teilnehmen. Die Mischung macht es eben.

Auf jeden Fall können Erzieher*innen beim nächsten „Heute wieder nur gespielt“- Kommentar ganz selbstbewusst antworten: „Und ob. Heute wurde viel gelernt.“

 

Einen interessanten Beitrag dazu vom Neurobiologen Gerald Hüther:

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