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Notbetreuung & Lockerungen – wieder Normalität?

14.05.2020

Ein Bericht von Anett Lein.

Offen gestanden weiß ich nicht, wie ich zu all dem stehe, und manchmal überkommt mich die Wut, wenn ich erlebe, was uns allen diese Situation abverlangt. Ja, Kitas und Schulen werden schrittweise geöffnet. Besagte Einrichtungen werden über das Wann und Wer zeitgleich mit allen anderen informiert. Das ist irritierend und eigentlich sollen die Einrichtungen das ja am besten gleich morgen umsetzen, aber wie? Ist ihnen selbst überlassen! Also ehrlich, ich ziehe meinen Hut vor allen Kita- und Schulleitungen! Manchmal müssen sie sich vorkommen, wie Asterix auf der Suche nach Passierschein A38 …

Nun ja, als Erzieherin komme ich in die günstige Lage „systemrelevant“ zu sein, und seit einer Woche gehen der Große und der Lütte in die Notbetreuung. Beide waren vor ihrem ersten Tag echt aufgeregt. Der Große strahlte dies durch präpubertätsbedingte Coolness aus und sprach einfach gar nicht mehr (hey, ich war auch mal jung :o). Der Lütte dagegen hörte gar nicht mehr auf zu reden, bis wir vor dem Eingang der Kita ankamen. Für den Einlass haben wir ein Zeitfenster zugewiesen bekommen, damit wir keinen Kontakt zu anderen Kindern und Eltern haben. Ich musste mich vermummen, desinfizieren und hinein kamen wir sowieso nur, wenn uns einer öffnete. Die Erzieher*innen freuten sich riesig, als der Lütte den Raum betrat. Ich durfte draußen bleiben und mich verabschieden.

Am Abend schilderte er seine Eindrücke und hatte gemischte Gefühle, weil alles gleich und irgendwie anders ist. Was mir nach ein paar Tagen auffällt, sind die extrem rauen Hände, trotz Creme. Aber jeden Tag lobt er das leckere Kita-Traumessen über den Klee. Ich bin eventuell ein bisschen zerknirscht. Ich weiß ja, was meine Söhne von meinen Kochkünsten halten, aber dass es so schlimm ist, dass man Kita-Essen lobt, als käme es aus einer Fünf-Sterne-Küche…

Na immerhin, findet der Große mein Essen inzwischen genießbar. Er bekommt in der Schul-Notbetreuung jetzt nämlich Essen aus der Assiette. Bei dem Gedanken an die Müllproduktion, die durch solche Maßnahmen entsteht, sträuben sich mir die Haare. Er hat sich an die Hygiene-Regeln zu halten. Bei Zuwiderhandlung wird er separiert und darf eventuell gar nicht mehr in die Notbetreuung. Seine Schule hat sich offenbar entschlossen, ihre Maßnahmen mit Angst und Druck durchzusetzen. Bei mir löst das Kopfschütteln aus. Notbetreuung heißt, der Große darf vormittags seine Aufgaben bearbeiten – muss er aber nicht. Die angekündigte Durchführung und die Kontrolle seitens der Schule gibt es nicht, aber sei es drum. Wir sind home-schooling-Eltern, wir wuppen das!

Nur auf einer Sache bestehen wir: dass der Große die Aufgaben macht, egal, was die anderen in der Schule tun. Wir sind darauf angewiesen, sonst bekommen wir diesen neuen Work-Life-Zustand nicht organisiert. Die neuen Lockerungen erfordern von uns als Eltern, die ja zeitgleich Arbeitnehmer*innen sind, sehr viel Spontanität und Beweglichkeit – irgendwie ein Widerspruch. Die Lockerungen sollen doch alte Strukturen wiederbeleben – vor allem, wenn wie bei uns die Teilnahme am Präsenzunterricht heißt, die Notbetreuung ist nicht mehr möglich und umgekehrt.

Auch ich darf wieder in die Schule gehen und ich freue mich darauf. Gern hätte ich die Kinder umarmt. Auch die Kolleg*innen nach so langer Zeit wiederzusehen, war toll. Und doch ist nichts normal. Offen gestanden war ich zunächst komplett überfordert – so viele Regeln, und machen darf man ja eigentlich nichts, wenn man die Regeln einhalten will. Schön ist anders. Das Tolle an den Kindern ist, dass sie echt anpassungsfähig sind. Sie haben trotzdem gespielt und zwar zusammen und wenn sie sich zu dicht kamen, rief ich:

Was ist Frau Leins neues Lieblingswort?

Und die Kinder: Abstand!

Ja, Humor hilft!
Ein Junge aus meiner Klasse wollte unbedingt in den Wald, was nach Absprache und mit Einhaltung der Abstandsregelungen möglich war. Es hat den Kindern richtig Spaß gemacht, denn es kommt natürlich vor, wenn alles verboten ist, dass sie an schlimmer „Langeweileritis“ leiden.

Nun sind die sechsten Klassen zurück, aber von denen sieht man erstmal nicht viel. Interessant ist zu beobachten, wie sie sich an alle Regeln der Schule halten und sich dann nach Ende des Unterrichts an der nächsten Straßenecke umarmen. Natürlich muss ich in meiner Vorbildfunktion sagen: „Geht nicht!“ – und trotzdem: Kinder sind Kinder, und das ist gut so!

In diesem Sinne bleibt alles gewohnt ungewohnt.

Einrichtung/Schule

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