Medienpädagogik

20.12.2016

Von Gérard Leitz

In den 80er Jahren wurde der Satz „Computer sind doof“ durch die Band Spliff geprägt. Im Text wird beschrieben, wie der „Wäschetrockner mit dem Video flirtet“ und die „Kaffeemaschine den Toaster antörnt“. Alles falsch programmiert, der Sänger wird wahnsinnig und findet Computer in seiner Schlussfolgerung doof. Kommt es nicht letztendlich auf uns selbst an, wie wir mit „Computern“ umgehen?

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Inzwischen kennen schon Einjährige den Homebutton auf dem Tablet und wissen, wie sie mit ihren kleinen Fingern durch die Bildergalerie navigieren. Sie wachsen auf in einer Welt, in der sich Kleidung, Möbel, Lebensmittel, Autos und manchmal auch Oma und Opa in einem kleinen Gerät verstecken.

fj_medienpaedagogik_27Viele Menschen „verteufeln“ dies, viele andere hingegen sehen es als Chance und als Weg in eine moderne Gesellschaft. Für die einen sind Handys, Tablets oder Laptops willkommene Babysitter, manche halten die Strahlung für gefährlich und manch ein Hirnforscher sieht große Gefahren in der zu frühen Nutzung. Auch an unseren Standorten gibt es sehr große Unterschiede. An manchen Schulen gibt es gerade mal einen verstaubten Computerraum, an anderen Schulen wiederum sind alle Klassenzimmer mit Smartboards ausgestattet.

fj_medien_24Wie sich digitale Medien langfristig auf den Menschen und im Besonderen auf Kinder bzw. die Gesellschaft auswirken, kann man noch nicht wirklich beantworten oder messen. Wir können sehen, wie es sich ganz individuell auf manche Kinder auswirkt, wenn sie z.B. Filme schauen, die nicht für ihr Alter bestimmt sind. Wir können Kinder mit Hilfe von neuen Medien durchaus dabei unterstützen, ihre Ziele schneller und spielerisch zu erreichen. Die Aufgabe von uns Erwachsenen, ob PädagogInnen oder Familienmitglieder, sollte hier sein, verantwortlich und sensibel mit dem Thema umzugehen und einen gesunden Umgang mit den neuen Medien zu schaffen.

Wir möchten Euch an dieser Stelle Informationen und AnsprechpartnerInnen nennen sowie weiterführende Hilfsangebote bzw. Ideen geben. Durchaus auch solche, die man in die Hand nehmen und analog lesen kann, und auch Apps, für die man möglicherweise „verbotene“ Handys aus der Tasche ziehen darf. Medienpädagogik im weiteren Sinne kann spannend und aufregend sein, den Alltag bereichern und eventuell braucht es nur ein paar wenige Regeln für den sinnvollen Umgang.


 Interview mit Kerstin Müller

 

fj_medienpaedagogik_14Bevor wir einsteigen in die Tipps und Tricks, möchte ich Euch Kerstin Müller vorstellen. Sie ist Kommunikationsberaterin, Medienpädagogin, Journalistin und vieles mehr und kooperiert seit dem Umzug in die Türrschmidtstrasse mit SOCIUS und OPTIMUS. Ihr habe ich vier Fragen zum Thema gestellt.

 

1) Medienkompetenz schön und gut. Ist das nicht eine große Herausforderung für ErzieherInnen und LehrerInnen?
Ja, das ist es, weil viele sich zu schnell zu viel vornehmen und sich damit überfordern. Dabei ist das gar nicht nötig. Medienkompetenz heißt ja nicht, von heute auf morgen sämtliche Medien zu kennen und in den Schul- oder Hortalltag zu integrieren. Es heißt vielmehr, Medien dann gezielt einzusetzen, wenn sie mir als LehrerIn oder ErzieherIn helfen können, meinen Kids etwas beizubringen oder sie in bestimmten Gebieten zu fördern und ernst zu nehmen.

2) Was könnten denn die ersten Schritte sein, um mit Kindern medienpädagogisch zu arbeiten?
Das ist ganz unterschiedlich. Manche ErzieherInnen integrieren einfach die Arbeit mit Fotoapparaten und Smartphones mehr in ihre tägliche Arbeit, um z.B. mit den Kindern gemeinsam Projekte und Ausflüge zu dokumentieren und diese dann mit kostenlosen Apps wie PicCollage zu bearbeiten und im Flur zu präsentieren. Andere machen Stop Motion Filme, um mit Kindern mal wieder in phantasievolle Welten einzutauchen und Geschichten zu erzählen. Wieder andere nehmen mit einem Audiogerät kleine Reportagen auf und stellen die Schule oder den Hort mal durch die Augen und Ohren der Kinder vor. Und wieder andere erstellen gemeinsam mit den Kindern eine Webseite, auf der die Kinder Tagebuch führen können und die Familien erfahren, wie der Schulalltag so aussieht. Mein Tipp ist immer: Jeder von uns hat persönliche Vorlieben für bestimmte Medien. An diesen eigenen Interessen anzuknüpfen, macht Spaß und überträgt sich dann auch auf die Kinder.

3) Ist es möglich, der schnellen Entwicklung der Medien standzuhalten?
Das fällt sogar mir schwer, da sich nahezu jede Woche neuen Medien, Apps und Programme auftun. Aber davon muss man sich nicht stressen lassen. Wenn ich Lust habe, meine Leidenschaft für Fotos in meine Arbeit zu integrieren, dann werde ich mich da mit der Zeit schon tiefer reinarbeiten. Und wenn ich da nicht immer auf dem neuesten Stand bin, ist das nicht schlimm. Kinder merken, wenn wir Lust auf etwas haben. Das ist viel mehr wert, als Profi in allem zu sein.

4) Welche Angebote gibt es in Zukunft für die MitarbeiterInnen von SOCIUS/OPTIMUS?
Wenn jemand nun Lust bekommen hat, gemeinsam mit Kindern medienpädagogisch zu arbeiten, dann ist vieles möglich. Ich gebe Seminare und Schulungen, berate Schulkollegien über Möglichkeiten und bin auch prozessbegleitend dabei. Darüber hinaus biete ich auch Team-Coachings zu gewaltfreier Kommunikation an und habe bei allem, was ich tue, immer eins im Fokus: Kommunikation. Medien sind ein toller Türöffner für Sprachanlässe, Reflexionen, kreative Ausdrucksformen und Kompetenzförderung. Es ist immer wieder berührend zu sehen, was bei Medienarbeit für Talente hervorkommen. Es lohnt sich, das mal auszuprobieren…

fj_medienpaedagogik_20Mehr über Kerstin Müller und ihre Arbeit auf www.tausendhoch3.de

 


 Informationen, Tipps und Tricks

fj_medienpaedagogik_26Im Computerspielemuseum in der Karl-Marx-Allee 93A in Friedrichshain, unweit vom Frankfurter Tor, kann man nicht nur die Geschichte des Computerspiels entdecken. Hier soll man sogar anfassen und spielen, z.B. kann man auch an Originalautomaten sein Können unter Beweis stellen. Es gibt Kunstwerke zu bestaunen, die sich dem Thema annehmen, und Sonderausstellungen zu unterschiedlichen Themen. Die Sonderschau „Rocket Men“ will ihren BesucherInnen die Raumanzüge überstreifen und sie mitnehmen auf eine Reise in unentdeckte Sonnensysteme, spartanische Vektorräume und die Zukunft zwischen pixeligen Sternen! Es ist das erste Computerspielemuseum weltweit.

fj_medienpaedagogik_17Klappe auf für die Rechte der Kinder!
Das 4. Kinderrechte-Filmfestival fand in diesem Jahr unmittelbar nach dem Internationalen Tag der Kinderrechte der Vereinten Nationen am 20. November statt. Im letzten Jahr gab es zwei großartige Beiträge von Schulen, mit denen wir, die Bildungspartner, kooperieren. Zum einen gab es den Beitrag der Wilhelm-Von-Humboldt-Gemeinschaftsschule „Das Leben ist (k)ein Ponyhof“, zum anderen den Film „Reise ins Ungewisse“  der Pettenkofer-Grundschule. Beides sind gelungene Projekte und beste Beispiele für den Umgang mit Medienpädagogik.

Wer das Kinderfilmfestival in diesem Jahr verpasst hat, kann sich die 16 Kurzfilme auf deren Webseite anschauen und sich natürlich auch darüber informieren, wie man selbst teilnehmen kann. Es lohnt sich!

Bei dfj_medienpaedagogik_22en Recherchen fiel mir auch die Seite mobile clip festival auf. Hier gibt es Tipps und Apps zum Musikmachen oder Filmen mit dem Handy. Man kann sogar an einem Wettbewerb teilnehmen. Ich finde die Seite richtig gut und inspirierend. Macht Lust auf ein schönes Projekt oder eine aufregende AG.

fj_medienpaedagogik_21Bei unseren Besuchen an den verschiedenen Standorten gibt es ja, wie schon vorher beschrieben, unterschiedliche Umgangsweisen mit den Medien. Es gibt ErzieherInnen, die täglich die an vielen Schulen ausliegende „Berliner Zeitung“ gemeinsam mit den Kindern lesen. Manche KollegInnen schauen sich mehrmals die Woche „Logo – Die Kindernachrichten“ mit den Kindern an und besprechen das Gesehene in den VHG-Stunden.

Und natürlich gibt es auch die PädagogInnen, die in AGs sowohl analoge als auch digitale Schülerzeitungen erstellen, wie z.B. das Papageno Notenblatt an der Papageno-Grundschule. Man kann am fj_medienpaedagogik_06SMART-Board einen digitalen Adventskalender basteln und mit der Actionbound-App interessante Stadtführungen erstellen oder eine moderne Variante der Schnipseljagd spielen. An einer privaten Grundschule wurden sogar Bücher mit dem Tablet gelesen und dann per Minecraft in Szene gesetzt. Das hat die Kinder sehr angespornt, sich intensiv mit Literatur zu befassen.

fj_medienpaedagogik_08Binde Kuh ist eine Suchmaschine für Kinder, bei der man nicht über Links stolpert, die Kinder besser nicht anklicken sollten. Um Kindern den Umgang mit Suchmaschinen beizubringen gut geeignet, aber man findet nicht alles.

fj_medienpaedagogik_18klick-tipps.net – die Seite mit guten Ideen für kindgerechtes Surfen. Hier findet man Hörspiele, Geschichten, Quizze, Mitmachseiten und vieles mehr. Schaut mal rein mit Euren Kids.

fj_medienpaedagogik_15 Der Fußballprofi vom FC Bayern München, Bastian Schweinsteiger, gibt in diesem Kurzfilm Kindern wertvolle Tipps für sicheres Chatten. Auf der Seite für polizeiliche Kriminalprävention und -beratung findet ihr weitere interessante Themen, die für die Arbeit mit Kindern und Familien äußerst relevant sind.

fj_medienpaedagogik_19Tolle und viele Informationen gibt es bei klicksafe. Das ist eine Kampagne zur Sensibilisierung und Förderung der Medienkompetenz und zum Umgang mit dem Internet und den neuen Medien im Auftrag der Europäischen Kommission. Ziel ist es, Internetnutzer beim Erlernen einer kompetenten und kritischen Nutzung des Internets zu unterstützen. Alle Materialien haben wir heruntergeladen und können Euch gerne auf Nachfrage die Infos zu Themen wie Cybermobbing, Umgang mit Suchmaschinen, Abzocke im Internet geben oder wie man gut und vorsichtig mit Facebook umgeht.

fj_medienpaedagogik_07bits21 ist bereits seit dem Jahr 2000 als Fortbildungseinrichtung mit medienpädagogischem Schwerpunkt aktiv. TeilnehmerInnen aus der frühkindlichen Bildung, aus Schule und Jugendarbeit finden hier seitdem ein umfangreiches Qualifizierungsangebot zum Lernen und Arbeiten mit digitalen Medien, zur Gestaltung zeitgemäßer Bildungs- und Projektangebote für die medienpädagogische Arbeit mit Heranwachsenden und die Zusammenarbeit mit Eltern und Familien.

fj_medienpaedagogik_25Die Initiative SCHAU HIN! – Was Dein Kind mit Medien macht ist ein Ratgeber zur Mediennutzung, der Erziehende dabei unterstützt, ihre Kinder im Umgang mit Medien zu stärken. Man kann sich auf dieser Seite sowohl über Cybermobbing und Cybergrooming informieren, und auch über alles, was mit der Nutzung des Internet zu tun hat. Auch hier kann man Beiträge für einen Wettbewerb von Fernsehproduktion einreichen und gewinnen.

fj_medienpaedagogik_23Auch interessant ist die gerade erschienene Studie des Medienpädagagogischen Forschungsverbundes Südwest (mpfs). Er erhebt seit 1998 unabhängige Basisdaten zum Medienumgang von Kindern und Jugendlichen in Deutschland. Die Studien des mpfs dienen als Diskussions- und Arbeitsgrundlage für Medienpädagogik, Politik und Bildungseinrichtungen – für alle, die mit Kindern und Jugendlichen zusammenleben und arbeiten.


Erhältlich in unserer Fachbibliothek gibt es folgende Bücher:

 

fj_medienpaedagogik_16Dieses Buch richtet sich an ErzieherInnen, LehrerInnen, Familien, die sich über Chancen und Risiken der Medien informieren und die medialen Einflüsse auf Ihre Kinder in sinnvolle Bahnen lenken möchten.

fj_medienpaedagogik_02Die Zeitschrift „Pädagogik“ hat ein ganzes Heft zum Thema zusammengetragen, das wir in die Fachbibliothek mit aufgenommen haben. „Digitales Lernen“ wird ebenso intensiv behandelt, wie Ideen zum „Filmen im Unterricht“, u.a. auch, wie man Flüchtlinge in der Arbeit mit neuen Medien willkommen heißen kann.

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fj_medienpaedagogik_04Broschüren für Familien und pädagogische Fachkräfte in Kindergarten, Hort und Grundschule von der Bundeszentrale für politische Bildung.

 


Vielen Dank an alle, die mir Ideen und Materialien haben zukommen lassen, denn nur durch Vernetzung und Zusammenarbeit kann ein breites Spektrum an Informationen entstehen. Für weitere Anregungen ist das BeraterInnen-Team wie immer sehr dankbar!


Weitere Literaturempfehlungen von Andreas Münzer, Dokumentarfilmer und Grafikdesigner.
Er bietet, gemeinsam mit Udel Best vom Fortbildungsinstitut für die pädagogische Praxis (FIPP), Fortbildungen an, um ErzieherInnen zu stärken, sich – gemeinsam mit Kindern – mit Themen wie Geschichte, Archäologie oder Naturwissenschaften auseinanderzusetzen.

 

fj_medienpaedagogik_31Digitale Hysterie – Warum Computer unsere Kinder weder dumm noch krank machen von Georg Milzner erschienen im Beltz-Verlag.

„Mit Schreckensszenarien wird allerorts vor den Gefahren der digitalen Welt für Kinder und Jugendliche gewarnt. Kritisch und ohne die Risiken zu verschweigen beleuchtet der erfahrene Psychotherapeut Georg Milzner ihren Umgang mit Smartphone & Co und stellt fest: Computerkinder sind viel gesünder, sozialer und intelligenter als ihr Ruf!“

fj_medienpaedagogik_34Spiel-Theater-Medien in Kindheitspädgogik und sozialer Arbeit von Hans Wolfgang Nickel, erschienen im Schibri-Verlag.

„Spiel – Erzählen – Theater – Tanz – Zirkus – Medien – Ausbildung entwickelt der Sammelband ein Gesamtbild von Kindheitspädagogik und Sozialer Arbeit: vom Theater für die Allerkleinsten über Medien- und Theatersozialisation bis hin zum „inneren Kind“ der Theater- und SozialpädagogInnen. Dazu Realisationen von Kinderclubs an Berliner Kindertheatern und am Westfälischen Landestheater; besondere Projekte aus Griechenland und aus der Schweiz; Tanz aus China und Entwicklung neuer Tanzformen für ein junges Publikum in Deutschland; Aktivitäten des Kinder- und Jugendzirkus Tasifan aus Weimar – alle Beiträge mit theoretischer Reflexion und pädagogisch-didaktischen Hinweisen für die Praxis.“

 

fj_medienpaedagogik_30Alltagsintegrierte Medien- und Sprachbildung in Kindertageseinrichtungen: Handreichung mit Aktivitäten für die Praxis vom Landesinstitut für Medien Nordrhein-Westfalen.

„Erzieherinnen und Erzieher können mit Hilfe dieser Publikation sowie einer parallelen Broschüre für Eltern im Sinne einer Bildungs- und Erziehungspartnerschaft gemeinsam mit den Eltern wirken. Klar strukturiert und verständlich aufbereitet, bieten sie ebenso grundlegende Informationen zur Medienerziehung und Sprachbildung wie praktische Übungen zur Durchführung in der Kindertageseinrichtung.“

fj_medienpaedagogik_32Hier gibt es das Begleitheft für Familien:
Kinder – Medien – Sprache
Medienpädagogische Aktivitäten zur Sprachbildung für Eltern mit ihren Vorschulkindern

Den zweieinhalbstündigen Vortrag von Manfred Spitzer zum Thema gibt es auf YouTube.

 

fj_medienpaedagogik_33Digitale Demenz von Manfred Spitzer, erschienen im Droemer-Verlag

In seinem Buch Digitale Demenz wendet sich Spitzer vehement gegen Initiativen von Politik und Industrie, „alle Schüler mit Notebooks auszustatten und die Computerspiel-Pädagogik zu fördern“. Diese Initiativen zeugten entweder von blankem Unwissen oder skrupellosen kommerziellen Interessen. Denn zahlreiche wissenschaftliche Studien stellten den digitalen Medien als Lernmittel ein miserables Zeugnis aus. Soziale Online-Netzwerke lockten mit virtuellen Freundschaften, doch in Wirklichkeit beeinträchtigten sie das Sozialverhalten und förderten Depressionen.“

 

 


Wer sich für das Thema Radioworkshop interessiert kann sich auch gerne den von Björn Single, Erzieher, und mir geschriebenen Werkstattbericht ausleihen, über die Planung und Durchführung eines Medienprojekts für Grundschüler.


 

 

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