Interview mit Bezugserzieher Markus Hennrich

28.01.2016

int_markus_hennrich_01Markus Hennrich, früher Bauzeichner und Diplomingenieur Architek­tur, ist Bezugserzieher an der GutsMuths-Grundschule. Er arbeitet im Aufbauteam der Lernwerkstatt mit und ist im „Haus der kleinen Forscher“ aktiv. Er sprach mit Katja Kruckow.

Bitte beschreibe doch mal, was für dich der Anlass war, von diesem komplett anderen Fach der Architektur zum Beruf des Erziehers zu wechseln!
Ich habe zuerst Bauzeichner gelernt. Danach studierte ich Architektur, weil es mein Traum war. Doch mit dem Studium kam ein bisschen die Desillusionierung. Nach dem Abschluss habe ich viele verschiedene Dinge gemacht. Zu Beginn war ich unter anderem in Architekturbüros tätig, habe Wettbewerbe bestritten, Planungen und Bauausführungen erledigt, aber insgesamt nicht lange und nie festangestellt. Also habe ich anschließend noch ein Wirtschaftsstudium draufgesetzt, aber das war es auch nicht so. Ich war einfach nirgendwo hundertprozentig glücklich.

Und dann gab es einen gesundheitlichen Einschnitt, der zu einem kompletten Überdenken geführt hat, denn dadurch war ich erst mal aus dem Beruflichen raus. Weil ich vorher freiberuflich tätig war, gab es keine Lohnfortzahlung. Ich hatte eine Zeitlang Hartz IV und habe gedacht: OK, jetzt kann ich bei Null anfangen und mir überlegen, was mir Spaß macht und was nicht, und was ich für den Rest meines Lebens machen möchte. Dieser Einschnitt gab den Anlass dafür. Ich sehe ihn nicht als etwas Negatives in meinem Leben, weil sich daraus so viel Positives entwickelt hat.

Während meines Studiums gab ich Nachhilfe in Mathematik und technischen Fächern und arbeitete so schon mit Kindern zusammen. Als ich mich rückblickend fragte, was mir bisher am meisten Spaß gemacht hat, stellte ich fest, dass es die Arbeit mit Kindern war. Ich habe in Braunschweig studiert, da gab es einen Lehrermangel und dadurch für mich die Möglichkeit zum Quereinstieg. Ich habe mich vor Ort auf eine Liste für „Feuerwehrlehrkräfte“ setzen lassen, aber es hat sich nichts daraus ergeben.

Wegen der freiberuflichen Tätigkeit als Architekt zog ich dann vor einigen Jahren nach Berlin um. Dort kam dann diese Zäsur, an der auch die Freiberuflichkeit ihren Anteil hatte. Die Sorge, woher im nächsten Monat das Geld kommt, hat sicher mit reingespielt. Also nicht der reine berufliche Stress, sondern auch der allgemeine Lebensstress.

Da ich die Möglichkeit hatte, mein Leben bewusst zu überdenken, habe ich für mich festgestellt: Es gibt die beiden Alternativen – Lehrer oder Erzieher. Aber ich bin kein Lehrertyp. Zu Studienzeiten war ich in einem Nachhilfe-Bildungsinstitut tätig und habe dort auch kurzzeitig mit Erwachsenengruppen gearbeitet und gemerkt, dass das nicht so mein Ding ist. Mit kleineren Gruppen, individueller und nicht vorne als Alleinunterhalter, das ist es eher – ich möchte lieber in der Interaktion sein. Es war eine bewusste Entscheidung, nicht den Weg des Lehrers zu gehen. Mit einem Hochschulstudium besteht die Möglichkeit zum Quereinstieg und der Ingenieurstudiengang hätte sich für Technik, Mathematik und Physik angeboten, aber ich habe mich dazu entschieden, Erzieher zu werden. Jetzt kommt natürlich immer die Frage: „Mit Kindern arbeiten, das ist doch so stressig?“ Aber das ist etwas ganz anderes, denn Lärm von Kindern ist kein Stress.

Dann hat der Zufall eine Rolle gespielt: Ich habe mich umgeschaut und als Lehrkraft bei privaten Bildungsinstituten beworben und war auch bei Vorstellungsgesprächen. Da hieß es dann immer: „Den technischen Background haben Sie, aber eben keine pädagogische Ausbildung.“ Dann habe ich eine Stellenausschreibung von SOCIUS gesehen: Es wurde jemand mit Erfahrungen im mathematisch-technischen Bereich und in der Arbeit mit Kindern mit Migrationshintergrund gesucht. Dies war passend für mich, denn während der Hartz IV-Zeit lernte ich jemanden kennen, der in Neukölln so eine Art „Suppenküche“ gegründet hatte, für Kinder, die nachmittags auf sich allein gestellt sind und nach der Schule dorthin kommen können. Dies wurde vom Jobcenter gefördert und ich wollte mitmachen. Sie bewilligten es mir zwar zuerst nicht, weil es hieß, es sei unter meiner Qualifikation als Ingenieur, aber da ich hartnäckig blieb und es nichts im Architekturbereich zu vermitteln gab, haben sie es mir dann doch zugesagt. Dort hatte ich viel mit Kindern mit Migrationshintergrund zu tun und das war in der Stellenbeschreibung von SOCIUS nun auch gesucht.

Frau Pfennig hat mich zum Gespräch eingeladen; ich konnte ihr einiges anbieten, aber ich habe auch gesagt, dass ich eben noch kein Erzieher bin. Und darauf hat sie erwidert, dass ich die Ausbildung berufsbegleitend bei Pro Inklusio absolvieren könnte. Ich bin nun letztes Jahr nach drei Jahren fertig geworden.

Ich habe hier in der Schule zum Schuljahresbeginn 2011 angefangen und im Februar 2012 die Ausbildung begonnen. Wir hatten einen Tag in der Woche Schule und in den Ferien Blockunterricht. Weil die Schule bezahlt wurde, musste ich mich dazu verpflichten, nach der Ausbildung noch zwei Jahre bei SOCIUS zu arbeiten. Aber das war für mich toll: Ich hatte dann somit gleich für fünf Jahre eine Arbeitsplatzgarantie!

Das Studium damals, das „musste“ zu Ende gebracht werden und vielleicht hätte ich ohne einen Einschnitt auch nicht den Mut gehabt, etwas komplett anderes zu machen und eine neue Ausbildung anzufangen. Und ob ich jetzt Ingenieur bin oder nicht – lieber was machen, was einem dann richtig Spaß macht und was sinnvoll ist. Wenn ich für reiche Leute Häuser baue, wem ist damit geholfen? Da ist es doch besser, ich gebe die Dinge, die ich gelernt habe, weiter: Kunst, Naturwissenschaften, Technik. Ich war auch im Studium nicht jemand, der seine Ideen unbedingt durchdrücken musste, sondern ich war eher der Teamplayer, der zusammen mit anderen Projekte entwickelt, und das kann man gut im Erzieherberuf gebrauchen.

Und den naturwissenschaftlich-technischen Bereich aus deinem beruflichen Vorleben, wo kannst du den einbringen?
Ich bin hier eher der Naturwissenschaftler und für die Technik zuständig, auch bei der Lernwerkstatt bin ich dabei. Und ich werde im Unterricht eingesetzt, hauptsächlich in Mathematik und im Sachunterricht. Jeder Erzieher hat ein gewisses Stundenkontingent im Unterricht. Und wenn es um Brücken oder Gebäude geht, dann bitten mich die Lehrer, etwas dazu zu sagen. Im Mathematikunterricht arbeite ich mit den SchülerInnen, bei denen man verstärkt schauen muss und die beim Klassentempo oft nicht mithalten können. Es wird im Unterricht viel Frei- und Gruppenarbeit gemacht und da sind die Lehrerin und ich dann beide Ansprechpartner.

Im Nachmittagsbereich gibt es den Bauraum. Wir haben Kepler-Steine und Bücher, da baue ich viel mit den Kindern, und ich mache im offenen Bereich auch die Experimentier-AG, in der ich dann auch physikalische Dinge mit den Kindern mache, z.  B. Versuche zu Wetterphänomenen oder den Wasserkreislauf.

Also lassen sich alle Interessen, die du hast, miteinander vereinbaren.
An der Schule ist man dabei, eine Lernwerkstatt einzurichten mit einem verantwortlichen Team aus LehrerIn und ErzieherIn. Dort wird Unterricht auf eine andere Art stattfinden. Ich hatte schon in meiner Abschlussarbeit das Thema „Entdeckendes Lernen“, das ich hier nun gut einbringen kann: Man gibt nicht alles vor, sondern ist dabei. Das Kind ist alleine in der Lage, in seinem eigenen Tempo zu lernen; die Entwicklungsschritte kommen, wenn das Kind soweit ist. Entdeckendes Lernen bedeutet, dass es von den Kindern kommt. Als Erwachsener begleitet und erkennt man und ist dabei, wann das Kind soweit ist, den Entwicklungsschritt zu machen und die nächste Stufe zu erreichen. Wenn ein Kind kommt und fragt, gibt man leichte Hilfestellungen und unterstützt es dabei, selbst auf eine ihm richtige Lösung zu kommen.

Wenn es Themen gibt, zu denen experimentiert wird, muss nicht nur ein bestimmtes Ergebnis rauskommen, sondern es gibt eine Vielzahl an Möglichkeiten und alles ist richtig und gut. Wenn zum Beispiel zum Thema Wetter geforscht wird, kann auch etwas zum Thema Gesellschaft dabei herauskommen: Was hat das Wetter für einen Einfluss auf die Gesellschaft? Wenn ein Kind mit Migrationshintergrund hier experimentiert und das Experiment beschreibt, hilft ihm das auch, die Sprache zu erlernen.

Architektur ist schließlich auch künstlerisch-technisch. Der gestalterische Ausdruck ist eine Sprache, die gelebt und gelernt werden muss. Man sieht bei vielen Kindern, dass diese Sprache verkümmert ist. Sie verlangen zum Beispiel beim Malen oft nach Ausmalbildern  …

Du unterstützt sie also darin, freier zu gestalten.
Ja. Ich versuche eine grafische Ausdrucksweise zu vermitteln. Wenn ich bei einem Kind entdecke, dass es eine Neigung in diese Richtung hat, versuche ich dies zu unterstützen. Hier gibt es zum Beispiel einen Jungen, der oft dabei ist, wenn es Probleme gibt. Zu Beginn meiner Ausbildung hatte ich keine feste Gruppe, sondern ich war Springer. Damals war dieser Junge noch in der Klassenstufe 1 – 2. Ich hatte meine Tüte mit Bastelblättern dabei, und weil ich nicht kontinuierlich in dieser Klasse war, habe ich ein bisschen mit den Kindern gefaltet. Dieser Junge hat zwar nicht richtig mitgemacht, aber als ich zwei Wochen später wieder da war, hat er mir gezeigt, wie wir das Objekt vor zwei Wochen gefaltet haben. So etwas bei einem Kind zu entdecken, fand ich sehr schön. Oder dies: Bei einem Spiel, ähnlich wie bei einem Tangram, muss man Bilder legen; das Spiel habe ich mit einigen Mädchen gespielt – eine, die in allem top ist, konnte es nicht, und eine, die normalerweise Durchschnitt ist, hat hier ruckzuck Sachen hingekriegt. In solchen Fällen gehe ich dann zu dem Lehrer und sage, dass er bei dem Kind auch mal nach diesem Talent schauen könnte.

Wenn man die Kinder einfach machen lassen würde, würden viele unserer Jungs nur Fußball spielen. Ich probiere eben, auch andere Interessen zu wecken.

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